Der unbequeme Gast
Melnitz
Charles Lewinsky
Lesezeit: 1 Minute
Eigentlich bin ich keine Freundin dicker Familienepen. Doch mit Melnitz wurde ich mal wieder eines Besseren belehrt. Das Buch hat es in sich: atmosphärische Dichte, augenzwinkernde Detailverliebtheit – ohne die es angesichts der Schwere des Themas schlicht nicht funktionieren würde –, lebendige Charaktere und einen Geschichtsunterricht, den man ganz nebenbei in sich aufsaugt.
Melnitz erzählt die Geschichte einer jüdischen Familie in der Schweiz zwischen 1871 und 1945 – hin und her gerissen zwischen subtiler und offener Ausgrenzung, dem eigenen Glauben und Traditionen sowie der unerfüllten Sehnsucht, endlich dazuzugehören: Einfach mitmachen dürfen. Erfolgreich sein dürfen. Ankommen dürfen.
Der stärkste Kunstgriff ist der titelgebende Onkel Melnitz. Auf der ersten Seite frisch verstorben – und trotzdem nicht totzukriegen. Sein Geist erscheint immer dann, wenn es wirklich unbequem wird: wenn die Zerrissenheit der Familienmitglieder ihren Höhepunkt erreicht, wenn Phlegma einkehrt, wenn die Spannung zwischen Assimilation und eigenem Gewissen kaum mehr auszuhalten ist. Melnitz ist störrisch und weise zugleich – und kommt garantiert dann, wenn er am lästigsten ist. Das mahnende Gewissen, das niemanden vergessen lässt.
Der Sog des Buches hatte mich vollständig gepackt – und innerlich verbeuge ich mich vor Charles Lewinsky: Es ist schlicht bewundernswert, wie er so unterschiedlichen Charakteren Leben einhaucht, wie bildlich und präzise er sie zeichnet, sodass man das Gefühl hat, mit ihnen zu leben.
