Der Ruf der Dinge
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In seinem Buch „Man kann auch in die Höhe fallen“ beschreibt Joachim Meyerhoff, wie er – von den Folgen eines Schlaganfalls gezeichnet – für ein paar Wochen seine sechsundachtzigjährige Mutter auf dem Land besucht. Er trifft auf eine zutiefst agile Frau, die Döner und Currywurst liebt, in einem Affentempo durch die Gegend düst und sich wacker alleine auf einem weitläufigen Grundstück schlägt. In einem Gespräch sagt sie zu ihrem Sohn:
Ach, eigentlich bin ich nicht einsam. Es gibt so wahnsinnig viel zu tun hier. Spürst du das denn nicht? […] Die Arbeit, die ruft. Ich spüre das ununterbrochen. Tag und Nacht. Ich spüre, wie das Gras gemäht werden möchte und die vertrockneten Hortensienblüten abgerissen werden wollen. Ich gehe so gerne über das Grundstück. Es ist doch unglaublich, dass das alles mir gehört. Und von allen Seiten ruft es: Kümmere dich um mich. Ununterbrochen: Mäh mich, stutz mich, rupf mich, düng mich, ernte mich, grab mich um. So geht es das ganze Jahr. Der Stall beschwert sich: Streich mich! Der Schuppen jammert: Räum mich auf. Du lachst. Aber ich höre das wirklich. Ich höre immerzu, wie alles hier nach mir ruft. Das ist schön und schrecklich zugleich. Das zieht richtig an mir.
Diesen Ruf der Dinge, den höre ich auch. Und er verleitete mich lange Zeit zu einem minimalistischen Lifestyle: Denn Minimalismus bedeutet, dass weniger Dinge um einen herum rufen. Was war das für ein Gefühl der Befreiung!
Allein mein Auto – es rief gefühlt ununterbrochen: Wechsle meine Reifen! Betanke mich! Wasch mich! Warte mich! Repariere mich! Bezahle Reparaturrechnungen, Versicherung, Steuern, Parkgebühren für mich! Mit dem Verkauf war das Rufen schlagartig beendet. Stille. Was für eine Erleichterung – und plötzlich so viel mehr Geld und Zeit.
Aber das Rufen hört nicht auf. Heute habe ich zwar nur wenig von dem vorzuweisen, was man stolz Besitz nennen könnte – aber ich habe immer noch einen Körper und den Haushalt einer Mietwohnung. Und die beiden tun genau das: sie rufen.
Fenster wollen geputzt werden, Pflanzen gegossen, Wäsche gewaschen, der Kühlschrank gefüllt, die Bettwäsche gewechselt. Der Drucker ist gefühlt immer hungrig. Zähne wollen geputzt werden, Gelenke bewegt, der Magen gefüllt. Und kaum getan, beginnt es wieder von vorn. Immer wieder. Endlos.
Und so ist auch das Antworten auf dieses Rufen endlos.
Doch es liegt an mir, welche emotionale Färbung diese nie endende Antwort hat. Ob sie genervt oder nörgelnd ist. Ob sie ungeduldig ist. Oder ob sie akzeptierend ist. Vielleicht sogar erfüllt von zartem Mitgefühl für all die Dinge, die nach meiner Zuwendung rufen. Am schönsten und entspannendsten ist es, all diese Dinge einfach zu tun – ohne das Gefühl, sie zu machen.
Do it without a doer – so höre ich einen meiner spirituellen Lehrer. Die Dinge tun ohne die Macherin in mir. Dann schwindet die Spannung, die manchmal mit solchen Tätigkeiten einhergeht. Diese Ich-Verkrampfung.
Diese Ich-Verkrampfung, die kritisch jede Schliere am Fenster kommentiert. Die sich masslos über Druckerpatronenpreise aufregt. Die genervt ist, schon wieder den Geschirrspüler aus- und einzuräumen, weil sie doch Besseres mit ihrer Zeit anzufangen wüsste. Die daran herumkrittelt, dass das Regal zwar super gerade, aber zu hoch hängt – und daraus eine mehrbändige Abhandlung über mögliche kognitive Defizite macht.
Diese Dame lässt dann los. Oder läuft im Hintergrund mit, ohne gross Beachtung zu finden.
Dann sind da einfach Hände, die Wäsche aufhängen, Gemüse schnippeln, einen Tisch abwischen. Beine, die sich beim Gehen rhythmisch bewegen. Augen, die beim Anbringen eines Regals Mass nehmen – und ein Raum, der jetzt anders aussieht. Ohne eine Geschichte dazu.
Und in solchen Momenten, wenn alles geschichtenlos dahinfliesst, bastelt meine Gehirnzelle daraus die nächste Geschichte. Sie meint nämlich, sie hätte etwas begriffen. Nicht etwas – es. Sie fühlt sich dann ganz in einer Linie mit den ganz Grossen:
Übe dich im Nichttun, und alles fügt sich zum Guten.
– Laotse
Nichttun steht da, nicht Nichtstun. Das „s“ macht den Unterschied. Und tatsächlich: In meiner Wahrnehmung wandelt sich vieles zum Guten, sobald ich die „Macherin“ in mir loslasse. Die, die ständig denkt, sie müsse es besser, korrekter, perfekter, wichtiger …. halt irgendwie anders machen.
Während einer Feldenkrais-Lektion erlebe ich das oft. Meine Lehrerin gibt anspruchsvolle Lektionen – und wenn ihre Anleitungen zu viel werden, welchen Körperteil ich wie bewegen, wohin ich meine Aufmerksamkeit lenken und gleichzeitig woanders hin atmen soll, wann ich eine Bewegung verkleinern und wann ich sie im Geiste nur noch denken soll – dann lasse ich mich selbst los. Ich mache, was sie sagt, ohne es „machen zu wollen“. Es ist ein Loslassen mitten im Tun. Ein Loslassen der Absicht, es „richtig“ zu machen oder verstehen zu wollen, worauf es hinausläuft. Ein tätiges Nicht-Machen.
Mit erstaunlichen Ergebnissen. Mein Körper „belohnt“ mich mit einer Beweglichkeit, die ich jahrelang nicht besessen hatte.
Wer nicht handelt, dem steht die Welt zur Verfügung und er hat Überfluss. Wer handelt, der steht der Welt zur Verfügung und hat Mangel.
– Dschuang Dsi
Und mein Nicht-Handeln bestünde wohl darin, mir hieraus keine Geschichte zu basteln – was meine kleine Gehirnzelle hiermit aber bereits getan hat.
