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Double Empathy im Restaurant: Wenn zwei Nervensysteme keinen gemeinsamen Tisch finden

Lesezeit: 5 Minuten

Ein volles Restaurant kippt mich in Sekunden in Überreizung und Flucht. Und gleichzeitig prallen dort zwei Wirklichkeiten aufeinander, die sich gegenseitig nicht verstehen.

„Das Lokal ist recht gross und weitläufig, mach’ dir mal keine Sorgen“, sagte meine Freundin noch, als wir uns zu unserem Sommerausflug verabredeten.

Nun stehe ich in einem brechend vollen, dunklen, mit Holz vertäfelten Raum. Eine Geräuschkulisse aus Gesprächsfetzen, quengelndem Kindergeschrei, Musik und Geschirrklappern ergiesst sich auf mich. Wir kämpfen uns durch Pampers-und-Nuckis-überladene Buggys und weichen Kellnerinnen aus, die schwer beladen mit unfreundlicher Mine durch das Chaos hasten.

Meine Freundin scheint das Tohuwabohu unbeeindruckt zu lassen. Sie steuert seelenruhig auf einen kleinen Tisch in der Mitte des Raumes zu.

Ich weiss nicht, was mich gerade mehr stresst: das sinnesbetäubende Durcheinander – oder meine Wut auf mich selbst, weil ich die Auswahl des Restaurants meiner Freundin überlassen habe. Oder mein Frust, dass meine Freundin offensichtlich eine gänzlich andere Wahrnehmung der Situation hat und ich gleich mal wieder als die auffallen werde, die „anders“ ist.

„Der ist doch gut.“ Meine Freundin dreht sich um, strahlt mich an und zeigt auf einen Winztisch inmitten des Wirrwarrs. Meine Überreizung ist unterdessen binnen Sekunden auf ein bedenkliches Mass hochgeschossen. In solchen Situationen schaltet mein System auf Alarm. Ich werde abrupt und unberechenbar – und genau das passiert.

Ich schüttle entsetzt den Kopf. „Sorry, das geht gar nicht.“ Ich wende mich abrupt ab und fliehe planlos durch den Raum in Richtung irgendeines Ausgangs. Ich sehe gar nicht, wohin ich gehe. Ich will nur raus. Bei mir sind gerade alle Sinneskanäle am Anschlag, am meisten aber der Hörsinn.

Wenn man vieles nicht versteht …

Mein Hörsinn ist überempfindlich, man spricht auch von einer Filterschwäche im auditiven System. Es ist die sensorische Besonderheit, die bei Menschen im Autismus-Spektrum mit am häufigsten vorkommt – und die tiefgreifende Auswirkungen auf das Leben hat.

Während der Mensch mit einer natürlichen Filterfunktion ausgestattet ist, die es ihm ermöglicht, alle Reize, die er im Moment nicht benötigt, wegzufiltern bzw. auszublenden, strömen bei Menschen mit Filterschwäche alle Reize in gleicher Intensität und Bedeutung auf das Wahrnehmungssystem ein. Hintergrundgeräusche können nicht ausgeblendet werden.
— Susanne Strasser

Weil ich Umgebungsgeräusche nicht ausblenden kann, sind Gespräche an belebten Orten für mich extrem schwierig. Denn Hintergrund gibt’s nicht. Nur Vordergrund in Dolby Surround. Und weil alles Vordergrund ist, zieht jedes Gespräch meinen Energieakku in Windeseile ratzeputz leer.

Da ich in solchen Situationen akustisch nur eingeschränkt verstehe, verstehe ich es auch im übertragenen Sinn nicht, wie man sich in so einem Umfeld wie diesem Ausflugslokal wohl fühlen und unbeschwert unterhalten kann.

Etwas überspitzt formuliert, habe ich in diesem Moment keine Empathie für nichtautistische Menschen, weil mir die Erfahrung fehlt, wie sich ein Leben mit gut funktionierenden akustischen Filtern anfühlt.

Aber eigentlich ist der Lärm nur der Auslöser. Das eigentliche Drama ist das Missverstehen danach.

… und mit seinem Nicht-Verstehen nicht verstanden wird

Meine Flucht aus dem Restaurant endet in einer Art Treppenhaus. Ich gehe an holzvertäfelten Wänden entlang und komme an einem kleinen, separaten Raum mit einem Tisch vorbei, der von einer Frau abgeräumt wird. Einem Impuls folgend gehe ich hinein.

„Wieso haust denn einfach ab, ist es denn so schlimm? Ich suche dich die ganze Zeit.“ Meine Freundin taucht auf. Ich überhöre den vorwurfsvollen Ton und zeige auf den Tisch: „Schau mal, den können wir haben, ich habe die Kellnerin gefragt.“

Ein entgeisterter Blick trifft mich. „Hier?!“ Sie schaut um sich. „Hier ist doch nichts los.“

„Ja“, sage ich, „und das ist perfekt für mich. Dadrin“ – ich zeige mit dem Finger auf die Hölle, die wir gerade hinter uns gelassen haben – „kann ich nicht sein.“

Meine Freundin rollt mit den Augen. „Du bist echt anstrengend.“

„Danke“, sage ich trocken, „das Kompliment kann ich eins zu eins zurückgeben.“

Meine Freundin zieht einen Flunsch. „Ich finde, du kannst dich auch mal zusammenreissen.“

Peng. Da ist er wieder: der Satz, der in meinem Leben gefühlt in Endlosschleife läuft. Resignation macht sich in mir breit.

Und eigentlich könnte ich dies auch genau so retour geben: Ich finde ebenfalls, sie kann sich an diesem einen Sonntag im Jahr, an dem wir uns treffen, mal zusammenreissen. Halligalli kann sie doch immer haben. Kann sie nicht mal mir zuliebe eine Ausnahme machen? Aber ich sage nichts. Die Stimmung ist sowieso vorläufig auf dem Nullpunkt.

Meine Freundin meint das nicht böse. Sie will einfach einen schönen Tag. So wie ich. Wahrscheinlich hat sie sich auf Lebendigkeit, Ausflugslokal, Sommerbetrieb und ein bisschen Trubel gefreut – auf genau das also, was mein System gerade als Bedrohung einstuft.

Meine Freundin hat umgekehrt auch kein Verständnis für mich. Sie versteht nicht, dass ich in so einer Geräuschkulisse nichts verstehe. Ihr fehlt die Erfahrung, wie es ist, wenn sich die Umwelt ungebremst in einen ergiesst. Und deshalb versteht sie auch nicht, warum „mal zusammenreissen“ nicht funktioniert.

Wir sind mittendrin in einer Variante des Double Empathy Problems.

Gegenseitig fehlende Empathie

Lange Zeit beschäftigte mich der folgende Widerspruch: Wie kann es sein, dass viele nichtautistische Menschen dem Autismus per se mangelnde Empathiefähigkeit bescheinigen, während dieselben Menschen selbst keine Empathie für Autist:innen aufbringen können?

Denn auch das gehört zur Wahrheit: Viele nichtautistische Menschen können sich kaum vorstellen, was in Autist:innen vorgeht. Warum bescheinigt man dann nicht ihnen fehlende Empathie?

Diese Beobachtung hat nicht nur mich beschäftigt. Ich stiess eines Tages auf die Beschreibung des Double Empathy Problem des Forschers Dr. Damian Milton von der Universität Kent.

Damian Milton beschreibt Empathie als bidirektionales Phänomen – sie muss in beide Richtungen fliessen. Er weist darauf hin, dass Kommunikation und soziale Begegnungen immer Dinge sind, die zwischen Menschen geschehen – was bedeutet, dass jede Unterbrechung der Kommunikation immer relational und auf beide Seiten zurückzuführen ist.

Und Damian Milton stellt fest, dass sowohl autistische als auch nichtautistische Personen aufgrund ihrer unterschiedlichen Erfahrungen mit der Welt Schwierigkeiten haben, einander zu verstehen und zu fühlen.

Die Frage ist für mich also nicht, wer „recht“ hat, sondern wie man einen Deal findet, wenn beide Nervensysteme andere Spielregeln haben.

Deshalb die offene Frage am Ende dieses Beitrages: Was ist für dich die kleinste Vereinbarung, die beide Welten respektiert? Gibt es so eine kleinste Vereinbarung überhaupt?

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