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Frau Momo zoomt. Oder: Höflichkeit 2.0

Die Frau vor mir fläzt sich auf ihrer Küchenbank. In Zeitlupentempo verzieht sie ihr Gesicht und gähnt schliesslich mit weit geöffnetem Mund derart ungeniert in die Kamera, dass ich noch Tage später ein exaktes Profil ihres Oberkiefers zu Protokoll geben könnte.

Ich lächle. Ich sage mir, dass ich froh sein kann. Denn es könnte Schlimmeres passieren, als unfreiwillig volle Einsicht in den Zahnzustand dieser Frau zu bekommen. Doch es kommt schlimmer: Sie gähnt erneut. Ausgiebig.

Seit geraumer Zeit bin ich also per Zoom unterwegs. Und das in ganz verschiedenen Gruppen: in Netzwerken, Vereinen, beruflichen Konferenzen, Coaching-Kursen oder sich selbst organisierenden Interessengemeinschaften.

Durch all diese Settings zieht sich für mich ein roter Faden: Ich komme mir manchmal vor wie die letzte Mohikanerin in Sachen Umgangsformen. Meinen Prinzipien treu und innerlich aufrecht, aber dem Untergang geweiht.

Ganz nach dem Motto „Ich bin halt, wie ich bin, und ich mag mich in meinem Sein nicht einschränken“ scheint sich im digitalen Raum eine neue Lässigkeit breitgemacht zu haben. Eine Lässigkeit, die sich für mich nicht immer ganz leicht von Nachlässigkeit unterscheiden lässt. Das gilt ganz besonders, wenn man sich per Zoom aus dem heimischen Wohnzimmer in die Welt hinaus begibt.

Verwackelte und ständig wechselnde Kamera, weil man nebenbei noch das Katzenklo sauber macht oder Pflanzen umtopft. Gegenlicht. Gar kein Licht. Im Bett liegend. Im Bikini auf dem Balkon liegend. Nebenbei surfen, essen, lesen, schlafen oder E-Mails beantworten.

Aber ich rede nicht nur über durchgesessene Sofas, auf denen man nach einer kurzen Nacht zerstrubbelt und leicht bekleidet sitzt. Es gibt auch die Zeitgenossen, die mit wackelndem Handy-Kamerabild durch die Räume eines hippen Co-Working-Space rennen und sich agil fühlen. Oder sie sind auf einem angesagten Event, bei dem dann zig völlig überdrehte Leute auch noch kreischend in die Kamera winken müssen.

Aufmerksam bei einem Zoom-Call zu verweilen, das wirkt dagegen fast gestrig. Zu unaufgeregt. Wie im vorherigen Jahrhundert, als die Telefone noch an einer Schnur festgebunden in der Diele ihr Leben fristeten und man sich zum Telefonieren tatsächlich hinsetzte.

Zoomen während der Autofahrt. Zoomen während einer S-Bahnfahrt. Zoomen während des Bereitschaftsdienstes. Zoomen aus Hauseingängen. Aus der Badi, von einer Vernissage – alles erlebt.

Wenn ich dann und wann meine Irritation darüber mitteile, schaue ich gefühlt für Millisekunden in schuldbewusste Gesichter. Dann sortiert sich das Geschehen schnell wieder: Man ist halt gerade unterwegs und insgesamt ziemlich busy. Hat diesen Zoom-Termin noch irgendwie in den vollen Kalender hineingequetscht. Das geht schon, das ist doch nicht so schlimm, so ist das heutige Leben. Wo ist das Problem?

Ja, wo ist das Problem?

Vielleicht liegt das Problem darin, dass diese Art von Nebenbei etwas mit dem Kontakt macht. Jedenfalls mit meinem Kontaktgefühl. Es ist nicht dramatisch. Niemand wird dadurch zu einem schlechten Menschen. Und doch merke ich, wie etwas ausfranst. Der gemeinsame Raum wird porös. Die Aufmerksamkeit verteilt sich auf Katzenklo, Balkon und Co-Working-Space. Und irgendwo dazwischen soll dann Begegnung stattfinden.

Höflichkeit ist für mich keine Frage von steifen Regeln. Eher eine kleine Form von Entgegenkommen. Ein Versuch, einen gemeinsamen Rahmen zu schaffen. Einen Rahmen, in dem ein Miteinander leichter möglich wird. 

Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr Knigge nannte sein Werk „Über den Umgang mit Menschen“. Und das finde ich in diesem Zusammenhang interessant: Bei Höflichkeit geht es darum, wie wir miteinander umgehen. Nicht um Regeln, die nur um ihrer selbst willen da sind.

So verstanden versucht Höflichkeit, ein Klima herzustellen, in dem sich Beziehungen und Zusammenarbeit entwickeln können. Sie schafft einen Raum, der es allen Beteiligten erleichtert, ihre Befangenheit abzulegen, sich in ihrer Haut wohl und vielleicht sogar ein bisschen sicher zu fühlen und Vertrauen zueinander zu fassen. 

Ich bin ein höflicher Mensch. Jedenfalls bemühe ich mich darum. Und ich habe das alles mehr oder weniger klaglos über mich ergehen lassen. Gefühlt ständig Fünfe gerade sein lassen. Verständnis gehabt. Mich geübt. In Milde – mit anderen und mit mir selbst.

Eine Zeitlang denke ich – ein Akt der Verzweiflung –, ich bin so frei und lasse mich auf das neue Zeugs ein. Vielleicht bin ich anno dazumal stehen geblieben und muss nur neue, überzeugende Erfahrungen machen. Alles nicht so eng sehen. Flexibel sein. Mit der Zeit gehen.

Ich wähle mich also hastig fünf Minuten zu spät in Sitzungen ein; unvorbereitet, versteht sich. Kaue munter mein Käsebrot, formatiere nebenbei noch ein Dokument, schaue überall hin, nur nicht in die Kamera. Was da gerade online passiert, bekomme ich in Gänze nicht mit – macht nix, ein paar Stichworte langen, um immer mal wieder reinzuspringen.

Fehler! Grosser Fehler! Reue, Zerknirschung, sogar Scham. All dies. Und dann die etwas ernüchternde Erkenntnis: Offenbar bin vor allem ich diejenige, die das für einen Fehler hält. Drüben: Schulterzucken.

Mit der störrisch-entschlossenen Miene einer Miss Marple kehre ich zurück in meine altmodischen Gefilde – direkt in die Arme des lieben Mr. Stringer. Ich bleibe dabei: Ich stehe auf Single-Tasking, störungsfreien Raum, ein stabiles Kamerabild und ungeteilte Aufmerksamkeit. Punkt. Wenn ich zoome, bin ich pünktlich, tageslichttauglich, zugänglich und offen für andere. Punkt.

Höflichkeit, das wird mir in der Auseinandersetzung mit diesem Thema klar, ist nicht nur eine spontane Stimmungssache. Sie wird auch nicht je nach Tagesform gewährt oder vorenthalten. Für mich hat sie etwas mit Vorbereitung zu tun. Mit einem kleinen inneren Sich-Sammeln. Mit der Bereitschaft, für eine begrenzte Zeit wirklich da zu sein.

Ich merke, dass ich mich nach Räumen sehne, in denen Menschen einander nicht nur technisch zugeschaltet sind, sondern auch innerlich ein bisschen anwesend. Deshalb habe ich entschieden, manche Zoom-Gefilde grosszügig zu umschiffen – sofern ich Gelegenheit dazu habe und frei wählen kann.

Man muss ja nicht überall mitgähnen. 

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